Die Fischerhütte

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Die Unterkunft in der Nähe der Stelle, wo der Zegenzug begann, galt als typisch für die ortsabgelegenen Fischereien am unteren Niederrhein. Da die Plüge, die einander ablösten, Tag und Nacht bei jeder Witterung draußen waren, musste man für die Fangpausen eine Bleibe haben. Für die Mitglieder eines Trecks war dies der Ort, an dem man sich nach der anstrengenden Arbeit z. B. zu den Mahlzeiten zusammenfand. Bei der Fischerhütte wurden aber auch die Fanggeräte bereitgehalten und hergerichtet, wenn es notwendig war. Es ist bezeichnend, dass sich Besucher am Rheinufer meist nach der Hütte orientierten. Wer die Fischer sprechen wollte, suchte sie hier möglichst während der Fangpausen auf; auf der Zegenstrecke galt die ganze Aufmerksamkeit der Männer den Netzbewegungen im Wasser. Auch wenn bei der Unterkunft Nebenarbeiten ausgeführt werden mussten – hier befand sich das Gestell zum Aufhängen und Herrichten der langen Maschenwände, die vielfach auch bei der Hütte geloht wurden – blieb immer Zeit für ein kleines Schwätzchen. Die meisten Erzählungen über den Fischereibetrieb am Rheinufer betreffen das Geschehen bei der Fischerhütte. Bei Stromkilometer 827, nördlich von Lüttingen und ostwärts Wardt, stand hinter dem Deichende in den Wiesen von Gut Grindt eine einsame Fischerhütte aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts neben einer wuchtigen alten Linde. Hier ist, wie man früher sagte, der Pärdendyck: der alte Pferdedeich aus jener Zeit, als noch die plumpen Holzschiffe von Pferdegespannen zu Berrg getreidelt wurden und zwar bis etwa um das Jahr 1860 herum. Die alte Ziegelhütte erlebte die Blütezeit und den Niedergang der Salmfischerei. Diese Hütte hatte eine Vorgängerin, die aus Brettern errichtet war und ein Strohdach trug. Den jüngeren Fischern gefiel sie nicht mehr, während sich die Alten noch wohl in ihr fühlten. Eines Nachts . um 1880 herum – brannte sie ab. Hatten die Jüngeren zur Selbsthilfe gegriffen? Man weiß es heute nicht mehr genau. Auf jeden Fall musste nun doch eine neue Hütte gebaut werden und man beschloss auf Vorschlag der jüngeren Fischer aus der Fanggemeinschaft, eine massive Unterkunft zu bauen. Da sie möglichst wenig kosten sollte, übernahmen die Fischer den Transport der erforderlichen Steine mit ihren Nachen vom Platz oberhalb der Xantener Fähre bis zur Fangstelle. Ein Maurermeister und sein Handlanger führen den Bau im Lohnwerk aus. Die Hütte bekam ein Ziegeldach und wurde mit einem Dachboden für die Unterbringung der Reservenetze sowie einem kleinen Keller zur Aufbewahrung von Lebensmitteln ausgestattet. „Wenn unerwünschter Besuch kam, dann hatten wir einfach keinen Schwanz gefangen, und wenn Steert neben Steert aus dem Kellerloch rausguckten“, erzählte schmunzelnd Theo Manten, der letzte noch vor etlichen Jahren tätige Fischer des Dorfes Lüttingen. Ein Holzgestellt neben der Hütte, der „Nettenhang“, auch einfach als „Hang“ bezeichnet, hatte mit den quer darüber liegenden „Schlieten“ (Querriegeln) nicht die ganze Breite der Netzwand, so dass an einer Seite das Flottreep und an der anderen Seite das Flottreep herabhingen. Hier wurden die Netze auch geflickt. So lange die Fangstelle am Pärdendyck von den Lüttinger Fischern gepachtet war, hielten sie ihre Hütte instand. An den Ecken, wo sich Rinder und Kühe zu scheuern pflegten, waren die Ziegelsteine abgewetzt. 80 cm über der Türschwelle war links eine Hochwassermarkierung angebracht mit der Aufschrift: „Hochwasser Neujahr 1925/26 – Stand am 3. Januar 1926“. Als die „Apostelfischer“ ihre Fangstelle am Pärdendyck aufgaben, wurde die Lüttinger Hütte herrenlos. Mit dem Abrutschen der Dachziegel begann 1965 der Verfall. Bis Dezember 1970 war der ganze Dachstuhl eingestürzt und nur die nackten Mauern ragten empor, die man 1972 durch gewaltsames Eindrücken auch noch zerstörte. Neben der im frischen Grün prangenden wuchtigen Linde war nur noch ein Steintrümmerhaufen vorhanden, aus dem einzelne Balken in die Höhe ragten. Das letzte sichtbare Wahrzeichen einer nachweislich 600-jährigen Fischereitradition der alten Zegenfischerei am Niederrhein sank durch Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit zurück in ein bodenloses Nichts, obwohl die Fischerhütte mit ein wenig Initiative und mit damals relativ wenig Mitteln hätte ausgebessert und erhalten werden können. Der Standort der Fischerhütte wurde im Laufe der Jahre ausgekiest und heute – im Jahre 1986 – ist hier nur noch Wasser zu sehen. G.R. im April 1986 (Quellen: „Nachen und Netze“ von W. Böcking; „Die 12 Apostel von Pärdendyck“ von W. Böcking aus Kreis Moers, Jahrbuch 1973)  

DIE HELDEN VON LÜTTINGEN

Große Freude beim HBV:

Familienangehörige der Canberra-Besatzung besuchen Lüttingen

Am 5. Oktober 1971, kurz vor 11:00 Uhr, flogen zwei zuvor auf dem Fliegerhorst Laarbruch gestartete „Canberra“ -Düsenbomber der 16th Squadron im Tiefflug von Xanten aus kommend Richtung Rhein. Kurz vor Lüttingen erlitt die Maschine mit der Registration „WT366“ einen Strömungsabriss und verlor plötzlich an Höhe. Der Pilot entschied, durch Hochziehen der Maschine einen Absturz inmitten des Dorfes zu verhindern, anstatt sich und den Navigator durch Betätigung des Schleudersitzes zu retten. Durch dieses  Manöver stieg die Maschine steil in die Höhe und stürzte  unweigerlich ab. Sie schlug am heutigen Willibrordusweg, nur 150 Meter hinter den letzten Häusern Lüttingens, auf. Durch sein besonnenes Handeln bewahrte die Flugzeugbesatzung unser Dorf vor großem Leid. Hätte sie anders entschieden, wären wahrscheinlich viele Häuser, u.a. Schule, Kindergarten und Pfarrkirche, getroffen worden. Unmittelbar vor dem Absturz donnerte die Maschine nur knapp über die Dächer Lüttingens hinweg. Auf Initiative des Vorstandsmitglieds Ludger Rodermond ehrte der HBV Lüttingen am 8. Oktober 2011 anlässlich des 40. Jahrestages die Besatzung mit einer Gedenktafel am See nahe der Unglücksstelle. Am darauffolgenden "Memorial Day" stattete eine Delegation den Gräbern der beiden Opfer auf dem Militäfriedhof in Mönchengladbach-Rheindahlen einen Besuch ab und legte zwei Kränze nieder. Auf dieser Website wurde ausführlich über beide Veranstaltungen, welche akribisch von Ludger Rodermond recherchiert und vorbereitet wurden, berichtet.

Trotz der Bemühungen offizieller Stellen konnten leider keine Angehörigen ausfindig gemacht werden, um sie zur Gedenkfeier einzuladen. Zwei Jahre später wendet sich überraschend die Schwester des Piloten, Wendy Holmes, hilfesuchend an den Vorsitzenden unseres Vereins. Dank der Vernetzung verschiedener Internetforen wurde sie zu unserer Homepage weitergeleitet und nahm Mitte Oktober 2013 Kontakt zu uns auf. Ein weiteres Jahr später wurde auch die Nichte des Navigators im Internet fündig. Wendy Holmes stellte den Kontakt zum HBV her. Ein lebhafter und emotional anrührender Briefwechsel der Schwestern mit dem Initiator Ludger Rodermond schloss sich an. Die Tragik des Unglücks ist aus Sicht der Familien kaum in Worte zu fassen, wurden Ursache und Hergang seitens der Royal Air Force doch stets geheim gehalten. Die übermittelten Informationen des HBV, welche die heldenhafte Tat der Soldaten eindeutig belegen, wurden von Wendy Holmes (Squamish, BC, Kanada), Patricia Young und Lorna Marsh (Southhampton und Shanklin, Isle Of Wight, Südengland) mit großem Dank entgegengenommen. "So hat das Schreckliche doch noch einen Sinn bekommen", schrieben sie sinngemäß.

An dieser Stelle danken wir den Familien Holmes, Young und Marsh sehr herzlich für die Zuverfügungstellung ihrer Informationen und Bilder.

Der Heimat- und Bürgerverein Lüttingen lud die Geschwister zum Fischerhüttenfest 2015 ein, die Damen nahmen das Angebot gerne an und konnten in einem kleinen feierlichen Akt die von Ludger Rodermond gestaltete und mittlerweile überarbeitete Gedenktafel ein zweites Mal enthüllen. Ein Besuch der Gräber auf dem Militärfriedhof in Mönchengladbach-Rheindalen schloss sich an. Bewegende Momente, in denen man ein wenig fühlt, daran mitgewirkt zu haben, dass diese Welt wieder ein Stück lebenswerter wird - und ein großartiges Ergenis jahrelanger Arbeit. 

Die vertane Chance

Im Jahre 1981 besuchten die Eltern von Keith und Wendy unerkannt unser Dorf, in Unkenntnis dessen, was wirklich vor Ort geschah. Erst später erhielten sie aus den Händen eines Wing Commanders Luftaufnahmen von der Absturzstelle, welcher sich ihrer erbarmte und der Ungwissheit wenigstens zum Teil ein Ende bereitete. Auf der Suche nach geeigneten Dokumenten für unsere Berichterstattung fand sie im Nachlass eine Kopie des Briefes, den sie an besagten Offizier verfasste. Hier ein Auszug daraus:

„(...) Die Ursache für die uns anhaftende Verzweiflung innerhalb der letzten 10 Jahre lag darin, daß wir nicht mehr wußten als die auf dem Totenschein ausgewiesene Örtlichkeit beim Dorf Lüttingen und zu akzeptieren hatten, keine Möglichkeit mehr eingeräumt zu bekommen, ihn vor der Beerdigung noch einmal zu sehen. Als wir im Juni Deutschland besuchten, fühlten wir uns unfähig, den Lüttinger Pastor oder Schulleiter persönlich anzusprechen, aus Angst vor Anfeindungen – im Falle, daß in der örtlichen Bevölkerung Menschen ihr Leben lassen mußten oder ihren Besitz verloren hatten. Die Informationen, die sich uns nun aus den Luftbildaufnahmen der Absturzstelle offenbaren, haben diese Befürchtungen zertreut. (...)“

Durch die Geheimhaltung seitens der Royal Air Force erfuhren die Eltern leider nicht mehr von der Heldentat ihres Sohnes. Der Vater verstarb 1982, die Mutter folgte ihm 2005. Ihre Asche wurde auf dem Grab von Keith Roland Holmes verstreut.

Nicht viel anders erging es der Familie von Chris King. Seine Eltern verwanden den Schock in Verbindug mit der verhängten Nachrichtensperre nicht. Sein Vater verstarb bereits ein Jahr nach dem Unglück, das Leben der Mutter war fortan von medikamentöser Behandlung geprägt. Sie folgte ihm einige Jahre später. 

Zur Geschichte des Dorfes Lüttingen

Der Ursprung und somit die Gründung Lüttingens geht auf eine Schenkung des Kölner Erzbischofs Bruno, Bruder des Kaisers Otto des Großen, im Jahre 965 zurück. Er vermachte der Benediktiner-Abtei St. Pantaleon in Köln seinen Hof  "Lidron" = Lüttingen. Die Mönche ließen sich hier nieder, besiedelten das Gebiet und errichteten ein Heiligtum unter dem Patronat des heiligen Pantaleon. Die jetzige Lüttinger Kirche, deren Turmhelm im zweiten Weltkrieg abgesprengt wurde, erstand um 1473, der Chorbau ist älter und wurde immer wieder auf früheren Fundamenten aufgebaut. Auf der Stirnwand des Hauptschiffes, die den Chorraum deutlich überragt, befindet sich ein Fresko mit den 14 Nothelfern, welches im Jahre 1922 von einem unbekannten Künstler angefertigt wurde. Heute ist die ehemalige Pfarrei Teil der Pfarrgemeinde St. Viktor Xanten.

Bei Stromkilometer 827, nördlich Lüttingen und östlich von Wardt, stand hinter dem Deichende in den Wiesen von Gut Grindt eine einsame Fischerhütte aus dem 19. Jahrhundert. Hier befand sich der alte Pärdendyck (Pferdedeich) aus jener Zeit, als die Schiffe noch von Pferdegespannen zu Berg getreidelt wurden. Diese alte Ziegelhütte erlebte die Blütezeit und den Niedergang der Fischerei und diente den „12 Aposteln“ als Unterkunft, Speiseraum und Schlaflager. Danach verfiel sie, die Reste der Ruine wurden im Zuge der Auskiesung zur Schaffung einer Verladestelle für Schiffe Ende der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts abgetragen. Im Jahre 1998 wurde die Fischerhütte anhand von Zeichnungen und Fotografien originalgetreu durch die „12 Apostel“ des HBV rekonstruiert. Am Rundwanderweg der „Xantener Südsee“ gelegen, beherbergt sie heute das liebevoll eingerichtete „Fischerhüttenmuseum“, welches auf Anfrage gerne besichtigt werden kann.

Sechs Lachsfischer, nämlich Johann Furtz, Hermann Roesen, Peter Terhorst und Hannes van Holt aus Lüttingen sowie Heinrich Prast und Wilhelm Giesen aus Bislich entdeckten beim Fischzug im Jahre 1858 den sogenannten "Lüttinger Knaben", einen in Bronze gegossenen „Stummen Diener“  mit lockigem Haar von seltener Schönheit - vermutlich aus der Römerzeit, wahrscheinlich aber älter. Die geschäftstüchtigen Fischer stellten den Knaben gegen Eintrittspreis aus, bedeckten das  Geschlechtsteil mit  einem Lendenschurz und  forderten von jedem Besucher, der den Lendenschurz zu heben wünschte, zusätzlich zwanzig Pfennige. Ein örtlicher Gendarm verbot den Fischern den willkommenen Nebenverdienst. Heute ist der "Lüttinger Knabe" im  Bacchus-Saal des Neuen Museums zu Berlin ausgestellt. Ein Bronzeabguss vom Original befindet sich auf dem Lüttinger Dorfplatz, weitere Kopien bereichern das Rheinische Landesmuseum Bonn und das Römermuseum Xanten.

Heute ist Lüttingen ein Ortsteil der Dom- Römer- und Siegfriedstadt Xanten und zählt ca. 2.500 Einwohner (Stand 2013). Noch im Jubiläumsjahr 1965, als das Dorf sein 1000-jähriges Bestehen feierte, waren es kaum mehr als 900 Seelen. Der enorme Zuzug von Neubürgern ist ein Indiz für die attaktive und doch ruhige Lage inmitten eines Freizeitparadieses. Es ist schon ein Privileg, dort zu wohnen, wo andere Urlaub machen!

Status quo und Perspektiven

In seiner Präsentation aus dem Jahre 2014, welche im Rahmen des Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft" von Herrn Ludger Rodermond verfasst und uns freundlicherweise zur Veröffentlichung überlassen wurde, beschreibt das langjährige Vorstandsmitglied des HBV die Charakteristik unseres schönes Dorfes und wagt einen Ausblick in die weitere Entwicklung, die in Teilen bereits umgesetzt wurde. Wir haben das Dokument als .pdf-Datei hinterlegt und stellen Ihnen dieses gerne als Download zur Verfügung.

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Präsentation des Fischerdorfes Lüttingen
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